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Verkannte
Gefahr "Elektrosmog" - Medien
UMTS-Masten steigern Angst vor Elektrosmog
WELT
am Sonntag, den 15 April 2001
von Dorothea Krings
Eine
neue Bürgerbewegung zieht gegen Mobilfunkantennen zu Felde.
Für die Betreiber wird die Standortsuche zum Problem, der Netzausbau
wird immer teurer.
Düsseldorf:
Eine unsichtbare Gefahr treibt Gerd Zesar jeden Abend in den Keller.
Schlafen kann er nur noch unterhalb der Grasnarbe seines weitläufigen
Gartens in der Gemeinde Kall.
Nur
dort fühlt er sich sicher vor den Strahlen, die oberirdisch
von Mobilfunksender zu Mobilfunksender gefunkt werden. Gerd Zesar
gehört zur wachsenden Zahl von Menschen, die mit Beschwerden
wie Schlafstörung, Bluthochdruck oder Konzentrationsstörungen
auf Elektrosmog reagieren.
Ob
die Strahlen für den mobilen Telefonverkehr tatsächlich
krank machen, ist allerdings noch nicht völlig geklärt.
Sicher ist dagegen, immer mehr Menschen in NRW wehren sich gegen
die Sendemasten auf ihren Dächern., sie haben Angst und die
Mobilfunkbetreiber somit ein Problem. Denn sie müssen neue
Antennen installieren. Und zwar mindestens 40.000 in den nächsten
Jahren. Die neue UMTS-Technik macht`s nötig. Wenn künftig
nicht mehr nur Gespräche per Funk übertragen werden sollen,
sondern gewaltige Datenmengen für Bewegt-Bild-Kommunikation,
Internet und andere Datendienste, dann muß das Sendenetz dicht
geknüpft sein. Drum soll aufgeforstet werden im Antennenwald,
vor allem dort wo viele Nutzer wohnen so wie in NRW. Doch
der Widerstand wächst, besorgte Bürger sammeln Unterschriften.
Mieter klagen gegen Sendemasten und bekommen Mietminderungen zugesprochen.
Bürgermeister müssen sich bei Bürgerversammlungen
für Antennen auf öffentlichen Gebäuden rechtfertigen.
Bei Verbraucherzentralen laufen die Telefone heiß. Selbst
Kirchen geraten unter Druck, denn es funkt auch aus den Türmen
ihrer Gotteshäuser.
Anwohner
protestieren. Antennesturm in NRW berechtigter Protest oder
Massenwahn?
Die
Mobilfunkbetreiber jedenfalls machen sich allmählich Sorgen.
Beim Poker um die UMTS-Lizenzen haben sie 100 Milliarden investiert.
Jetzt muß der neue Markt erschlossen werden. Möglichst
schnell und möglichst gründlich. Doch statt schon bald
mit neuem Netz auf Kundenfang gehen zu können, müssen
die Mobilfunkunternehmen nun immer öfter um neue Antennenstandorte
kämpfen. Das kostet Zeit und Geld. - Negativposten auf der
ohnehin schon hohen UMTS-Rechnung. Man kann den Unternehmen
nicht Milliarden für neue Lizenzen abnehmen und Ihnen keine
Investitionssicherheit bieten, sagt Stephan Althoff, Sprecher
von T-Mobil. Ähnlich sieht das sein Kollege von E-Plus. Unsere
Kunden wollen ihr Handy überall nutzen, also müssen wir
flächendeckende Netze aufbauen. Mobilfunkgegner wie Joachim
Gerten vom Bundesverband gegen Elektrosmog machen dagegen schon
jetzt ein Umdenken bei den Verbrauchern aus. Immer mehr Menschen
erkennen, daß ihre Beschwerden mit Elektrosmog zutun haben
und lassen ihr Handy lieber aus. Der Protest formiert sich.
Allein der Zusammenschluß Bürgerwelle versorgt
bereits 600 Initiativen bundesweit. Er liefert Info-Material, hilft
bei Vortragsabenden und Bürgerbegehren. Die Nachfrage ist groß.
Auch die Kirchen reagieren auf die Unruhe im Kirchenvolk. Die evangelische
Kirche von Westfalen hat als erste ihre Gemeinden aufgefordert,
weder neue Antennen montieren zu lassen, noch bestehende für
die UMTS-Technik umzurüsten. Von den 1000 Kirchtürmen
in Westfalen sind 74 mit Mobilfunksendern bestückt. Jetzt predigt
man erst einmal Vorsicht, Motto der Aktion: Niemand soll Angst vor
dem Kirchturm haben. Damit fallen für die Mobilfunker
ideale Standorte flach. Die Rheinische Landeskirche schickt in diesen
Tagen eine ähnliche Empfehlung an die Gemeinden. Denn auch
dort gab es Proteste. In Wuppertal.-Vohwinkel etwa schrieb das Presbyterium
auf Druck einer Bürgerbewegung 6000 DM monatliche Miteinnahmen
für die nächsten 20 Jahre in den Wind, damit dieser strahlungsfrei
bleibe. Gegen die Antennen hätten sie sich vor allem
wegen der Ängste der Menschen entschieden, sagt Sylvia
Wiederspan, Vorsitzende des Presbyteriums, weniger wegen der sachlichen
Argumente. Begründet oder nicht: Angst eint die Menschen, schon
ist die Rede von einer neuen Bürgerbewegung. Verkaufszahlen
freilich sprechen dagegen. Bereits jetzt besitzt jeder dritte Haushalt
in NRW ein, eher sogar mehrere Handys. Tendenz steigend. Die meisten
Menschen wollen mobile Kommunikation egal wann und egal wo. Darum
fordern die Handykritiker: Wenn schon neue Antennen, dann sollten
die Grenzwerte für die Sendeleistung gesenkt und der Bau von
Masten in sensiblen Bereichen etwa auf Krankenhäusern oder
Schuldächern verboten werden.. Dagegen wehren sich die Betreiber
Neue Auflagen würden unsere Standortplanung erheblich
erschweren und verteuern, meint ein Sprecher von VIAG-Intercom.
Und es steigen nicht nur die Planungskosten. Hausbesitzer, die um
die funkstrategisch günstige Lage ihrer Immobilie wissen, treiben
die Standortmieten in die Höhe. An Knotenpunkten in NRW werden
jetzt schon bis zu 10.000 Mark pro Jahr bezahlt. Auch von höheren
Summen ist zu hören.
Die
Mobilfunkbetreiber nennen lieber keine Zahlen. Einziger Kommentar:
Die Preise seien Verhandlungssache..
Viele
Eigentümer lassen sich nicht mehr auf lange Vertragslaufzeiten
ein. Sie fürchten nicht nur gesundheitliche Schäden, sondern
auch den Wertverlust ihrer Immobilien. Die Verunsicherung ist groß,
ein Ende der Auseinandersetzung ist nicht in Sicht. Die Mobilfunkunternehmen
wollen nun durch bessere Information die Akzeptanz ihrer Technik
verbessern. Vielleicht zu spät. Die Gegner jedenfalls haben
Stellung bezogen in der Öffentlichkeit. Und in den Kellern
der Eifel.
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