Neue Medizin
[Diverses]

Wer der Gesundheit schadet ist ein Verbrecher
Vor den Nebenwirkungen molekültoxischer Pharmaka wird gewarnt!

„Stern“   Wissenschaft: Ausgabe Nr. 34 

„Keiner nimmt mehr die Aufsicht ernst“
Dr. Thomas Geske, bis vor kurzem Manager in verschiedenen Pharmafirmen, über die Gepflogenheiten seiner Branche

Sie waren über 12 Jahre als Arzt bei Pharmafirmen tätig. In welchen Positionen?
Ich war bei vier Mittelständlern und einer großen Firma, zuletzt als Leiter der Abteilung Medizin und Wissenschaft – und damit auch zuständig für die Arzneimittelsicherheit Als Arzt geht man von den ethischen Besonderheit des Arzneiproduktes aus. Doch die Geschäftsführung belehrt schnell eines Besseren. Die sieht das Ganze unter rein wirtschaftlichen Aspekten, und ich hatte schnell den ruf der Umsatzbremse und des Bedenkenträgers

Wo waren die Reibungspunkte?
Ständig mussten neue Produkte aggressiv in den Markt gedrängt werden Da fliesst wahnsinnig viel Geld rein. Jeder einzelne Arztkontakt kostet das Unternehmen zusammengerechnet mehr als 200 Mark.

Werden Ärzte mit Prämien geködert, um bestimmte Mittel zu verschreiben?
Direkt ist das verboten. Aber dann lädt man sie samt Familie zu so genannten Weiterbildungsveranstaltungen in schöne Hotels ein. Oder es gibt Prämien für die „Anwendungsbeobachtung“: dabei müssen für jeden Patienten, der ein Mittel nimmt, wissenschaftlich nichtssagende Fragebögen ausgefüllt werden, für die es jeweils 50 DM gibt.. Wenn der Arzt sich an Studien zum Wirkungsnachweis eines Medikaments vor der Arzneizulassung beteiligt, erhält er pro Patient mehrere Tausend Mark.

Bayer soll den Ärzten für je 25 nachgewiesene Lipobay-Patienten eine Reise im Orientexpress spendiert haben.
So was gehört zum intelligenten Marketing. Auch der Patient selbst wird zunehmend beworben. Das ist zwar bei verschreibungspflichtigen Mitteln wie bei Cholesterin verboten, aber dann macht man es eben indirekt. Da werden Hotlines und Homepages zu allgemeinen Gesundheitsproblemen installiert, bei denen es auf Anfrage auch Werbung für verschreibungspflichtige Arzneien gibt.. Oder es wir auf den gefährlichen Cholesterinspiegel hingewiesen. Und Journalisten werden für entsprechende Artikel bezahlt. Jede Firma hat solche Schreiber, denen sie den fertigen Text und ein paar Tausend Mark gibt, damit sie ihn in den Medien platzieren.

Stichwort Arzneimittelsicherheit. Wie wird mit Nebenwirkungsmeldungen umgegangen?
Meine Erfahrung ist: es ist fast genauso schlimm wie zu Zieten von Contergan. Es gibt jetzt zwar in den Firmen Sicherheitsbeauftragte, die die Meldungen über unerwünschte Arzneimittelwirkungen sammeln, melden und bewerten. Aber sie sind nur Angestellte. Wenn sie überhaupt so viel Mut haben, dann können sie Maßnahmen zur Risikoabwehr vorschlagen, aber nicht anordnen. Wenn man mit solchen fällen zur Unternehmensleitung geht und sagt: Wir sollen etwas tun, dann fällt einem die bestimmt nicht um den Hals.

Ihre persönlichen Erfahrungen?
Die schwedische Niederlassung unserer Firma bekam Nebenwirkungsmeldungen von schwedischen Ärzten. Die hatten sie nicht den dortigen Behörden, sondern uns in Deutschland gemeldet. Ich wollte dann gegenüber den schwedischen Behörden Stellung nehmen, aber das wurde mir verboten. Meine Chefs haben knallhart gesagt: sie wollen doch nicht etwa den Umsatz gefährden. Wenn man dann trotzdem etwas unternimmt, verrät man Betriebsgeheimnisse und wird schadensersatzpflichtig gemacht in Millionenhöhe. Damit wurde mir offen gedroht.

Funktioniert wenigstens das zuständige deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)?
Da werden jährlich Tausende von Meldungen reingeworfen und es passiert nichts Ich treffe mich als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pharmazeutische Medizin regelmäßig mit Sicherheitsbeauftragten von Pharmafirmen. Keiner nimmt das BfArM

Mehr ernst. Das ist eine gefährliche Spirale: wenn sich die unabhängige Aufsichtsbehörde regelmäßig in Schweigen hüllt, dann kann man doch von einem lohnabhängigen, weisungsgebundenen Sicherheitsbeauftragten nicht erwarten, dass er sich aus dem Fenster lehnt.

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